Museum Guide

LINDSEY LANDFRIED


Sometimes It Adds, 2013
Acryl auf Papier

Papier war schon immer Lindsey Landfrieds Bildmittel. Ihr Medium ist die Zeichnung, ihr Werkzeug Stifte und Acrylfarbe. Ihre Werke, die mal flach, mal gefaltet, freihängend oder auf dem Boden ausgebreitet präsentiert werden, trotzen dem gängigen Verständnis von Zeichnung. Auf Papierflächen, die oft Spuren eines früheren „Lebens“ zeigen, lässt sie delikate Zeichnungen oder großflächige Konstrukte aus dichten Liniengeflechten und Loop-ähnlichen Zeichen entstehen. Die zeitaufwendige handgearbeitete Entstehung dieser „Webteppiche“ aus vibrierenden Punkten und Linien tritt dabei in einen spannenden Kontrast zu der eigenen Optik, die an die strenge minimalistische Sprache elektronischer Datenverarbeitung erinnert – einen Code, der geknackt werden möchte.

Ihre Papierarbeiten sind poetisch. Selbst ein so wuchtig monumentales Objekt wie Sometimes It Adds drängt sich nicht auf, sondern möchte entdeckt und erobert werden. Es ist ein Werk der Widersprüche – das Material rau und spröde, gebogen, gefaltet, widerspenstig, gezwungen in die Licht-Schatten-Ordnung einer Ziehharmonika. Sich kleiner machen wollen, nicht herausragen wollen. Wehe uns, wenn sie sich doch einmal zur vollen Größe entfaltet...

Landfried absolvierte ein Malerei-Studium am Sydney College of Arts und Pennsylvania State University. Sie war DAAD-Stipendiatin und Gast-Meisterschülerin bei Pia Fries und Gina Burdass an der UdK Berlin; erhielt den Pollock-Krasner Award 2014/15, UNC Asheville Works on Paper Biennial Jury Award 2015. Zahlreiche internationale Ausstellungsprojekte. Sie ist Kuratorin und Leiterin der HUB Robeson Galleries von Pennsylvania State University.




KATHARINA HINSBERG


Giornate (Ajouré-Serie), 2014–2018 Papercut Objekte

Katharina Hinsberg ist eine der wichtigsten deutschen Kunstschaffenden, die das Konzept der sogenannten „raumgreifenden Zeichnung“ und das Medium des Papercuts mitgeprägt hat. Seit den 1990er Jahren arbeitet sie an verschiedenen Dekonstruktionsprozessen der Zeichnung. Sie streicht mit graphitbenetzten Fingerspitzen über lange Papierstreifen oder transformiert die handgezeichneten Linien durch Schnitte und Bohrlöcher in die Papieroberflächen. Ihre Arbeit reicht von fein geschnittenen Papiergittern bis hin zu raumfüllenden schwebenden Papierstreifen oder mit farbigem Papier verkleideten Hallen und zeigt eindrucksvoll, dass sich das Medium Zeichnen längst von der engen Definition von Linien auf Papier befreit hat.

Die im HdP gezeigten Giornate-Arbeiten sind Teil einer langjährigen Serie von handgeschnittenen Papercuts, die in vielen kleinen Tagesetappen über jeweils ein Jahr entstehen. Indem Hinsberg das Papier für jeden Arbeitsgang um 180 Grad dreht, ändert sich der Schnittwinkel ins Papier. So entstehen die spezifischen Muster und Schattierungen, die sich erst richtig zeigen, wenn man sich dem Werk aus verschiedenen Blickwinkeln nährt. Durch Ausschneiden und Abtragen winziger Partien wird auch die Fragilität des Werkstoff Papier betont und zugleich seine immense Transformationsfähigkeit herausgestellt. Die Freiräume bilden ein filigranes Webmuster, das wie feine Stickerei wirkt.

Hinsberg wurde 1967 in Karlsruhe geboren. Das Kunststudium absolvierte sie in München, Dresden und Bordeaux. Von 2003-2009 war sie Professorin für Zeichnen an HBK Bremen; seit 2011 hat sie eine Professur für konzeptuelle Malerei an der HBKsaar Saarbrücken. Zahlreiche Stipendien, Auszeichnungen und Publikationen. Ihre Werke befinden sich in Sammlungen wie Chinati Foundation, Marfa, TX; Graphische Sammlung, Pinakothek der Moderne, München; Hamburger Kunsthalle; Kupferstichkabinett, Berlin; Kunstmuseum Stuttgart; Museum Folkwang, Essen; Museum of New Zealand, Wellington, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe u.a.




ERWIN WURM


tief Luft holen und Luft anhalten / take a deep breath of air and hold in, 2017 2 Hefte mit 40 Wortskulpturen, von Erwin Wurm handschfitlich verfasst

Der Österreicher Erwin Wurm zählt zu den populärsten Künstlern der Gegenwart. Mit Skulpturen von grotesk verformten Konsumgütern, dazu Wort-, Text-, Stoff- oder perfor-mativen Skulpturen erweitert Wurm seit den 1990er Jahren den Begriff der Skulpturalität radikal weiter. Überraschend, mit Witz und Ironie rückt er Alltagsobjekte und -handlungen in ein neues Licht, übt Konsumkritik und hinterfragt unsere Sehgewohnheiten. Legendär sind seine One Minute Sculptures, in denen das Publikum zur angeleiteten Interaktion mit Alltagsgegenständen eingeladen wird.

Dem HdP hat Erwin Wurm ein Künstlerbuch geschickt, das 40 imaginierte Skulpturen beschreibt. Diese sogenannten Wortskulpturen wurden erstmals 2017 bei seiner Ausstellung im Kunstmuseum Graz als eine Erweiterung der One Minute Sculptures vorgestellt: Wortbilder, die nur mehr aus einem Satz bestehen. Laut vorge-tragen formen die Worte Bilder im Kopf. Die Skulptur entsteht durch eigene Vorstellungskraft und ist einzig dem inneren Auge sichtbar.

Das HdP hat den Text „Stadt aus Butter“ als Kanon vertont (Komponist Rainer Kirchmann). Dieser Kanon wird im Herbst 2021 an verschiedenen Orten von verschiedenen Chören interpretiert und uraufgefürt. Diese Weiterbearbeitung des Textes knüpft an Wurms freies, spielerisches Werk und Denken an, und vergemeinschaftet auf diese Weise Kunst. Kunst ist Alltag. Sie gehört uns allen. Hier also wird Papier zum Transportmittel von Ideen, fordert zur Weitergabe und Weiterentwicklung auf.

Erwin Wurm wurde 1954 in Bruck an der Mur/Österreich geboren. Er studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. 1987 war er als DAAD-Stipendiat in Berlin. Weltweite Ausstellungspräsenz: Berlinische Galerie, Berlin; CAC Málaga; IMA Indianapolis Museum of Art; Kunstmuseem St. Gallen und Wolfsburg, Musée d’Art Contemporain, Lyon; Palais de Tokyo, Paris; Solomon R. Guggenheim Museum, New York; Städel Museum, Frankfurt; Taipei Fine Arts Museum, Taiwan; Vancouver Art Gallery; ZKM Karlsruhe u.a. Teilnahme an der Venedig Biennale in 2011 und 2017. Seine Werke sind in vielen öffentlichen Sammlungen vertreten, wie Albertina, Wien; Museum für Moderne Kunst, Frankfurt: MoMA Museum of Modern Art, New York; Tate Modern, London; Walker Art Center, Minneapolis, u.a.




MONICA BONVICINI


Legscutout #02, 2013
Collage, analog

Monica Bonvicini zählt zu den aufregendsten Künstler:innen der heutigen Zeit. Ihre medienübergreifenden konzeptuellen Arbeiten stellen sich auf verspielt-humorvolle bis mutig-provokante Art sozialen und politischen Gegebenheiten, hinterfragen die Auswirkungen auf Sprache und Gesellschaft. Durch Zeichnung, Skulptur, Fotografie, Video und Installation untersucht Bonvicini das Verhältnis von Architektur, Macht, Geschlechterrollen und Freiheitsideal. Offenlegung und Kritik an patriarchalischen Strukturen, Bezüge zu queeren Subkulturen und Bürgerrechtsbewegungen sind beständig wiederkehrende Themen ihrer Werke genauso wie eine ortsspezifische Auseinandersetzung und das Einbinden der Betrachterperspektive in ihren künstlerischen Prozess.

Bei Legscutout #02 handelt es sich um eine analog verwobene Collage. Diese vibriert durch geschickt gesetzte Farbmuster und Fragmentabfolgen. Eine scheinbare Ordnung, die immer wieder gebrochen wird. Das dicht geflochtene Durcheinander an Papierstreifen und darauf abgebildeten Körperteilen löst Unbehagen aus. Die geballte Nacktheit verstört und provoziert, und nur wer ganz tief in die Bilder eintaucht, erkennt, dass es sich um Ausschnitte von Händen, Ellbogen, Unterarmen, Kniekehlen handelt. Das scheinbar Provokative entpuppt sich als Produkt der eigenen Einbildung. Trotzdem bleibt der Eindruck von „zuviel“. Die schiere Menge an menschlichen Körperteilen überfordert, das Individuelle wird zum Teil einer namenlosen Masse.

Monica Bonvicini wurde 1965 in Venedig geboren. Sie studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und California Institute of the Arts in Valencia/USA. Seit 2003 hat sie eine Professur für Performative Kunst und Bildhauerei an AdK Wien und seit 2017 für Bildhauerei an UdK Berlin. Zahlreiche Auszeichnungen, die wichtigsten bisher: Goldener Löwen der Venedig-Biennale 1999 und Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst, 2005. Solo- und Gruppenausstellungen weltweit, darunter Bonniers Konsthall, Stockholm; Institute of Chicago; CAC Centro de Arte Contemporáneo, Malága; Deichtorhallen Hamburg; Fridericianum, Kassel; Hamburger Bahnhof, Berlin; Kunstmuseum Basel; MoMA, New York; MUSEION, Bolzano; Museum Ludwig, Köln; Palais de Tokyo, Paris, Pinakothek der Moderne, München u.a. Bedeutende Biennale-Teilnahmen in Berlin (1998, 2004), Venedig (1999, 2005, 2011), Wiener Sezession (2003). Ihre Skulpturen sind dauerhaft ausgestellt in Queen Elizabeth Olympic Park, London; vor dem Opernhaus Oslo und im Istanbul Museum of Modern Art.




ASTRID BUSCH


Bloody Bay Oasis #51, 2021 (Wandinstallation)
Rice Paper und Aluminiumlegierung
Inverted Voids #14 und #16, 2021 (gerahmte Papierobjekte)
Archivpigmentdruck auf Japanpapier
Inverted Voids #18, 2021
Archivpigmentdruck auf Japanpapier, HdP Edition: 2/8

Astrid Busch verändert Räume in ihrer Gesamtheit, jedoch führt sie das auf eine sanfte und zurückgenommene Art vor. In ihren ortsspezifische Rauminstallationen vereint sie Fotografien mit vielerlei Materialien – von eigenen Aufnahmen bis hin zu Archivfunden. Alle diese Teile fügt sie als multimediale Inszenierungen zusammen und schafft so raumgreifende Arbeiten, die mosaikhaft wirken und dennoch immer ortsspezifisch bleiben.

Bei der Arbeit Bloody Bay Oasis #51, die während der Paper Residency! 2020 entstand, ließ sich Busch von winzigen weggeworfenen Dingen von der Straße inspirieren, und übersetzte diese Formen in vielschichtige Bilddateien, ehe sie gedruckt und verarbeitet wurden. Sie experimentierte mit Versteifungen jeder Art, um aus den kleinen Skizzen Werke erzeugen zu können, die aus sich selbst heraus standfest sind, und als raumgreifende Objekte überdauern können. Sie erarbeitete eine Kombination aus Aluminiumlegierung und Rice Paper. Wie schon in ihren bisherigen Umgestaltungen öffentlicher Räume, kreierte sie auch hier verwirrende Überlagerungen aus realen Schichten und digitalen Schichtungen verschiedenster Materialen. Das Ergebnis ist ein Objekt, das aus der farbig gestalteten Wand herausbricht, und doch mit ihr verbunden bleibt. Für Busch ist dieser Prozess vom Zwei- zum Dreidimensionalen die Rückeroberung des Raums. Nur ein Jahr später haben sich die räumlichen Objekte erneut vollkommen gewandelt und sind nun Inverted Voids, transparente Gebilde – so durchscheinend, dass die realen Überlagerungen zu immer neuen Farb- und Fragmentverbindungen führen. In dieser neuen Werkreihe von 2021 vereint Astrid Busch räumliche Bedingungen mit digitalen Mitteln zu fragilen Werken, die an die Flüchtigkeit allen Seins erinnern.

Astrid Busch wurde 1968 in Krefeld geboren. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo sie Meisterschülerin bei Prof. Katharina Grosse war. Ihre Werke befinden sich in Sammlungen wie Hetjens – German Ceramic Museum, Düsseldorf; Kunststiftung NRW, Düsseldorf; Neuer Berliner Kunstverein und Technikmuseum, Berlin; Museum für Angewandte Kunst, Gera u.a.

Stipendiatin der Paper Residency ! Berlin 2020
Preisträgerin des Paper Art Award 2021 in Silber.




THEA DJORDJADZE


Ohne Titel, 2021
Pappmaché, Gips

Weltweit bekannt sind Djordjadzes raumgreifende Installationen und Skulpturen. Dazu verwendet sie konstruierte und vorgefundene Elemente, die sie neu anordnet. Simple, häufig weiblich konnotierte Materialien wie Seife, Karton, Gips, Textilien, werden mit „wertvollen“ Werkstoffen und Techniken wie Keramik, Goldlack oder Ölmalerei verbunden. Die sich oft erst auf den zweiten Blick als fragmentarisch und nicht-funktional enthüllenden möbelartigen Objekte folgen der Architektur des Ortes und brechen zugleich dessen Ordnung durch vernunftwidrige Winkel und Positionen, die unerwartete räumliche, physische und psychologische Betrachter-Erfahrungen hervorrufen.

Im HdP zeigt Djordjadze ein Objekt aus Pappmaché. Skrupellos geformt, scheinbar beiläufig, kraftvoll und roh.
Wuchtige Bilder drängen sich auf.
Papier mit Gips.
Ein kleines Zitat der Berliner Mauer?
Zugleich Grenze wie auch wuchernde Potenz inmitten provokativ entblößter Weiblichkeit...?
Erst auf den zweiten Blick erschließt sich, dass hier viele Ebenen verflochten werden. Die Bodenfläche ist von Farbfragmenten gesprenkelt und nur der Rest des farbigen Mauerstücks wurde als einziges Teil verschont. Wurde hier ein Bild auf Pappmaché gemalt, mittels Wasser gelöst und umgestaltet? Djordjadze spielt auch hier mit der Nicht-Erfüllung von Erwartungen, dem Hinterfragen von Sehgewohnheiten und mit dem stetigen Wandel der Form.

Thea Djordjadze wurde 1971 in Tiflis/Georgien geboren. Sie studierte an den Kunstakademien in Tiflis und später in Düsseldorf in der Klasse von Rosemarie Trockel, war später Meisterschülerin von Trockel. Auszeichnung mit dem Kunstpreis der Böttcherstraße Bremen, 2009. Weltweite Ausstellungspräsenz in Deichtorhallen Hamburg; Kunstmuseum Winterthur; Malmö Konsthall; MoMA PS1, New York; Palais de Tokyo, Paris; Pinakothek der Moderne München; Tai Kwun-Centre, Hongkong; Venedig Biennale 55 und 56; documenta XIII, Kassel u.a. Ihre Werke sind in vielen öffentlichen Sammlungen wie Berlinische Galerie und Neue Nationalgalerie, Berlin; FRAC Bourgogne, Dijon; Lenbachhaus, München; Migros Museum, Zürich; MoMA, New York; Museum Ludwig, Köln; Sammlung Boros, Berlin.

Teilnahme an Paper Residency ! Berlin 2018 mit Rosemarie Trockel.




LARS EIDINGER


Autisic Disco, Berlin 04/02/2021
Papierobjekt

Lars Eidinger ist von ungeheurer kreativer Kraft erfüllt und berührt die Menschen unmittelbar. Er lässt sie nicht kalt, regt zu kontroverser Betrachtung an. Rund um ihn herum entsteht Bewegung. Er gehört zu den Menschen, die im positivsten Sinne Anstoß erzeugen. Ein großer Flaneur, der uns auch schon mit seinen fotografischen Arbeiten und mit seinem stets wachen, liebevoll sezierenden Blick auf das scheinbar Alltägliche und Beiläufige, auf die fragile Schönheit unserer Welt hinweist.

Eidinger wäre nicht Eidinger, würde er uns nicht die eigentlichen, die wirklich wichtigen Fragen stellen. Seine Werke sind feine zarte Auseinandersetzungen mit dem Leben, mit unserem gesellschaftlichen Miteinander. Er hat die Gabe, seinen Mitmenschen das Gefühl der Annahme zu vermitteln: Du darfst so sein, wie Du bist; Widerstände brechen. So öffnet er die Menschen. Er stellt Fragen nach Begrenzungen, nach geschlechtlicher Zuschreibung, nach Enge und Freiheit. So behandelt er die großen Themen im Kleinen.
Was ist Kunst?
Was darf Kunst?
Wer sagt uns: Das hat einen Wert, und das hat keinen?
Das Spiel von Licht und Schatten in diesem kleinen Papierobjekt ist expressiv und still zugleich. Der zarte, an ausgebreitete Flügel erinnernde Schwung.
Die Vergänglichkeit. Autisic Disco lässt sich irgendwo zwischen Marcel Duchamps Readymades und der FLUXUS-Bewegung treiben, für deren Verfechter wie Joseph Boeys oder Wolf Vostell es nicht mehr auf das Werk selbst, sondern einzig auf den schöpferischen Impuls ankam. Wer sich freimacht von Begriffen wie „Müll“ und Gefühlen wie „Ekel“ kann Eidinger folgen in sein ewiges Wonderland der Unschuld und der Freude an Dingen, Erkenntnissen, am Sein.

Lars Eidinger wurde 1976 in West-Berlin geboren. Schauspielausbildung an Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Berlin. Langjähriges Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne. Seine Filmografie umfasst von Kritikern und Publikum gefeierte Projekte wie Alle Anderen, 2009; Die Wolken von Sils Maria, 2014; 25 km/h, Die Blumen von Gestern, 2016; die Erfolgsserie Babylon Berlin, seit 2017 u.v.a. Wichtige Auszeichnungen, darunter Grimme-Preis 2013, Österreichischer Filmpreis 2016, Bayerischer Filmpreis 2019; DJ und Musikproduzent; Auftritt in Musikvideos der Band Deichkind. Solo-Ausstellungen mit Foto- und Video-Arbeiten im Neuen Aachener Kunstverein, 2019 und gemeinsam mit Erwin Wurm bei Ruttkowski;68, 2020. Zudem diverse künstlerische Kollaborationen mit Juergen Teller, John Bock und Aernout Mik.




GOEKHAN ERDOGAN


Ohne Titel, 2020 ("Steine")
Drucke, Leim und Wachs

Reduktion auf das Wesentliche, Variation und Wiederholung, Formen, die der Herstellungsprozess vorschreibt – das sind nur einige Aspekte von Goekhan Erdogans Werken. Häufig arbeitet er in Serien und häufig liegt ein Passbild als Ausgangspunkt der Arbeit zugrunde. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbildnis ist von vielen philosophischen, kunstgeschichtlichen und sozialgeschichtlichen Aspekten geprägt; das Ergebnis dieser Überlegungen dabei oft höchst minimalistisch. Erdogan hebt die fotografischen Aufnahmen aus ihrem formalen Rahmen heraus, zwingt das Papier in ungewohnte Gestaltungszustände oder transformiert die Motive bis zum völligen Auflösen, bis sie dem Werk nur noch als abstrakte Idee innewohnen.


Eine solche vom Produktionsprozess geleitete Auseinandersetzung mit dem Material ist seine „Steine“-Serie. Was wie polierter Stein aussieht, sind in Wirklichkeit verschiedengroße Offsetdrucke seines Passfotomotivs, mit Leim eingestrichen, gepresst und zu einer Masse getrocknet. Das einstige Motiv der bedruckten Oberfläche ist in der neuen Form gänzlich eingeschlossen. Erdogan bearbeitet den Werkstoff Papier hier wie ein Bildhauer – er formt, trägt ab, poliert. Es bleiben sinnliche Objekte, pure natürliche Formen, bei denen es schwer fällt sie nicht zu berühren.

Goekhan Erdogan wurde 1978 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte an der HfbK Städelschule Frankfurt und der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Preisträger des Dieter-Haack-Award 2011. Regelmäßige Solo- und Gruppenausstellungen in Galerien und Kunstvereinen in Deutschland, insbesondere im Rhein-Main-Gebiet, sowie an unterschiedlichen Standorten in Europa.




CHRISTIANE FESER


Partition 115, 2018
Foto-Objekt
Berlin Hell / Dunkel, 2020
Zweilagiges Objekt, Archivpigmentprint auf FineArt Papier und Japanpapier, Edition: 1/30
Holo 2 / Holo 3 / Holo 7, 2021 Archivpigmentdrucke und Paper Cuts

Wenn man der Fotografie alles Inhaltliche entzieht, was bleibt? Dieser Frage ging Christiane Feser nach und fand: Es bleiben Licht, Schatten und das Material Papier. Daraus erschuf sie ihr Spielfeld. Mit digitaler Bildbearbeitung angefangen, verwendet sie seit 2008 verstärkt „echtes“ Werkzeug. Sie fotografiert, dann faltet und schneidet sie die Aufnahmen, ritzt, sticht, fügt den Oberflächen Fäden und Fasern hinzu und arrangiert alles neu – nur, um es noch einmal durch die Linse der Kamera festzuhalten. Dem fotografischen Sehen der Kamera, eine Realität, die "mal da war", setzt Feser das menschliche Sehen mit dem Auge entgegen. Das Zwei- und Dreidimensionale wird miteinander verwoben, bis sich die Aufnahme in ein „Foto-Objekt“ verwandelt.

Zwei Jahre lang arbeitete sie ausschließlich mit Faltungen eines einzelnen Blattes Papier. Tausende von weißen DinA4-Blättern wurden zu Modulen gefaltet. So vertiefte sie ihr analytisches Wissen über Material, Licht und Schatten, bis sie sich an die Entwicklung ihrer sehr eigenständigen Partitionen machte. Christiane Fesers Arbeiten leben von meisterlicher Beherrschung des Werkstoffs Papier.

Christiane Feser wurde 1977 in Würzburg geboren. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Ihre Arbeiten werden weltweit in Ausstellungen gezeigt, darunter Frankfurter Kunstverein; Getty Museum, Los Angeles; Kunstmuseum Bochum; Palazzo Strozzi, Florenz; Solomon R. Guggenheim Museum, New York. Ihre Werke sind in Sammlungen von Guggenheim Museum, New York; Minneapolis Institute of Art; Mönchehaus Museum, Goslar; ZKM Karlsruhe, Sammlung Klein, u.a.

Erste Stipendiatin der Paper Residency ! Berlin 2018.




ANDREA GRÜTZNER


Ohne Titel, 2019
Drei-Lagen-Papierobjekt

Andrea Grützner ist Architekturfotografin. Im Zentrum ihres Werks steht die Raumerfahrung – sowohl rein visuell als auch in Kontext gesetzt. Über Fotografie, Malerei und Collagen verarbeitet sie ihre Wahrnehmung von Orten und Räumen. Dabei beschäftigt sie die Geschichte eines Ortes genauso wie die Frage, auf welche Weise die Architektur auf Verhalten und die kollektive Identität einwirkt. „Emotionsanregende anti-architekto-nische Arbeiten“ nennt die Künstlerin ihre Fotografien, die sich zwischen Realität, Illusion und Abstraktion bewegen.

Grützner benutzt in ihren Arbeiten eine klare Formsprache. In der Paper Residency ! hat sie erstmals mit einer zweiten und dritten Ebene experimentiert und den übereinander montierten Lagen durch aufgeräumte, aber expressive Faltung Form gegeben. Die kleine Arbeit Ohne Titel fasziniert durch die geschickt übereinander gelegten Perspektivebenen, die tiefe Räume schaffen und aus der physischen Enge des Rahmens ausbrechen.

Andrea Grützner wurde 1984 in Pirna geboren. Sie absolvierte ein Fotografie-Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Bielefeld; erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Viele Ausstellungen in internationalen Solo- und Gruppenprojekten und auf Festivals. Ihre Werke sind Teil von DZ-Bank Art Collection, FOAM Collection, Sammlung Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Landessammlung zur Geschichte der Fotografie in Rheinland-Pfalz u.a.

Stipendiatin Paper Residency ! Berlin 2019.




LEIKO IKEMURA  イケムラレイコ


Kitsune Woman und Kitsune Lady, 2021
zwei Objekte aus Papiermaché

Leiko Ikemura zählt zu den bedeutendsten Kunstschaffenden der Gegenwart. Ihre Gemälde und Objekte kreisen um Themen der Verwandlung und Verschmelzung von Mensch und Natur. Die hybridartigen Kreaturen und Fabelwesen sind stets schemenhaft dargestellt, im Zustand des Werdens eingefroren. Das herausragende Merkmal dabei ist Ikemuras Fähigkeit zwei sehr unterschiedliche Pole – die europäische und die fernöstliche Kultur – zu verschmelzen. Ihre stillen Landschaften und die zumeist weiblichen Hybrid-Wesen sind oft Ausdruck von Unbestimmtheit und von den Tiefen menschliche Natur.

Ikemuras Skulpturen entstehen meist aus Bronze und Terrakotta oder Glas. Für das HdP schuf sie nun ihre allererste dreidimensionale Papierarbeit überhaupt. Dafür fügte sie einer ihrer bekanntesten Serien ruhender Köpfe zwei neue Exemplare in dem hochweißen Werkstoff Papiermaché hinzu. Die ungeglättete weiße Oberfläche mit den delikat modellierten Gesichtszügen verweist leise auf die Inspiration hinter dem Werk – das mythologische Wesen Kitsune, einen Eisfuchs, der die Gestalt einer schönen, jungen Frau annimmt. Die Präsenz ihrer traumwandlerischen Werke ist stets atemberaubend. Hier ist nun eine neue Komponente, das physisch Leichte, hinzugekommen.

Im Objekt Kitsune Lady zeigt sich dies besonders schön – eine fragile Form, ein Hauch von Papier. Das mehrteilige Objekt Kitsune Woman verwendet als zusätzliches gestalterisches Mittel ein leuchtend rotes Fadengewirr, welches aus dem Mund des ruhenden Kopfes hervorbricht und die einzelnen Elemente miteinander verbindet.
Die Zeit scheint erstarrt. Alles kommt zur Ruhe. Atem erfüllt uns, wie Leben.

Leiko Ikemura wurde 1951 in Tsu/Japan geboren. Mit 21 Jahren zog sie nach Europa für ein Literatur- und später Malerei-Studium in Sevilla. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. August-Macke-Preis, 2009; Deutschen Kritikerpreis für Bildende Kunst, 2001. 1990–2015 lehrte sie an der UdK Berlin. Weltweite Ausstellungen, darunter: Kunsthalle Karlsruhe; Kunstmuseum Basel; MCBA Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne; Museum für Ostasiatische Kunst, Köln; National Museum of Modern Art, Tokyo; Nevada Museum of Art, Reno; Weserburg – Museum für Moderne Kunst, Bremen u.a. Ihre Werke befinden sich in Sammlungen von Centre Georges-Pompidou, Paris; Kunstmuseen Basel, Bern und Zürich; Kunsthalle Nürnberg; Museum Kunstpalast Düsseldorf, u.a.




ISMENE


Ohne Titel, 2018–2020
Collagen, analog
Der Engel, 2021
FineArt Print auf Baryt Papier, HdP Edition: 2/20
ISMENE richtet in ihren Collagen ihre eigene Ordnung ein – auch indem sie bewusst analog arbeitet. Das Berühren, Erleben, Zerreißen und Herumspielen mit den Papieren ist für die gelernten Handweberin ein wesentlicher Bestandteil des kreativen Prozesses. Ihr Spiel mit Materialität und Form ist äußerst frei. Die Schichtungen wirken skizzenhaft; die Elemente so zart und leicht zusammengefügt, als könnten sie bei der kleinsten Berührung wieder auseinanderfallen. Diese Leichtigkeit ist sehr eigen. Sie zeugt von ISMENEs tiefem Verständnis des Medium, bereichert durch ihr Wissen aus der Handwebekunst.

Erst vor einigen Jahren kam ISMENE über Umwege zur Kunst – dafür umso beeindruckender, sowohl in der Art, wie sie handwerklich mit dem Medium arbeitet, als auch in der kompositionellen Umsetzung. Während ihrer Tätigkeit in der Suchthilfe auf den Straßen Berlins begegnete ISMENE vielen Gesichtern und Schicksalen – manche davon bruchstückhaft, alle vielschichtig. Davon angeregt begann sie Collagen zu gestalten, zunächst aus eigenen Fotografien und später aus vorgefundenen Schnipseln von Menschen, Orten und Skulpturen. Ein zentrales Thema ist das Spiel mit der Abbildung von Körpern, dem Wecken von Erwartungen durch angerissene Formen und Motive. Durch geschickt eingebaute Auslassungen und Momente der Irritation gelingt es ihr jedoch, diese Erwartungen zu brechen und unerfüllt zu lassen; ein subtiles Verneinen des voyeuristischen Blicks.

ISMENE wurde 1973 in Bochum geboren. Sie studierte Philosophie und absolvierte eine Lehre zur Handweberin. Aus beiden Disziplinen schöpft sie heute Themen und Ausdrucksformen für ihre seit 2017 begonnene Tätigkeit als freischaffende Künstlerin. Ausstellungsbeteiligungen in Berliner Galerien KWADRAT, Charis Schwarz, Franzkowiak. Erfolgreiche Präsenz auf Instagram, über die sie in Subkulturen eintaucht und sich mit internationalen Künstlergemeinschaften vernetzt.




FEE KLEIß


Fiorellas Wand, 2021 (5 Elemente Installation)
Pigmente und Leim auf Papier; dazu Wolle, Filz, Nitril)
Set, 2021
Archivpigmentdruck mit Assemblage-Elementen, HdP Edition: 1/12
Fee Kleiß arbeitet als Malerin und Bildhauerin interdisziplinär mit Farben und Objekten – aus Bauschaum, knorrigen Äste, Latex bis hin zu Abfall. Ihr Augenmerk liegt auf der Verwandlung von gefundenen Materialien und dem Herstellen von Verknüpfungen zwischen allen sichtbaren Natur- und Kulturgegenständen aus ihrer Umgebung. Themen wie Nachhaltigkeit und Utopien für zukünftige Weltentwürfe spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Vorgefundene und das bewusst Geformte arrangiert sie in dreidimensionalen, oft quick-bunten Wimmelbildern, die eine fast kindliche Entdeckerfreude wecken. Kleiß konstruiert, verändert, bündelt und holt vertraute Materialien aus ihren gewöhnlichen Formen heraus. Diese Mischung aus Guckkasten und Stillleben brodelt vor Kreativität und baut Geschichten auf: humorvoll, bizarr, verstörend, erotisch, schön. Fee Kleiß verwandelt alles um sie herum zu Kunst, nichts bleibt unbearbeitet zurück. Während ihrer Residenz hat Fee Kleiß Drucke von metallischen und Steintrukturen mit Knochenleim und Pigmenten so bearbeitet, dass die weichen, flexiblen Papierbögen selbst steinhart wurden. Alle dem Werkstoff Papier charakteristischen Eigenschaften wurden verändert und bis ins Gegenteil umgewandelt. Das Papier in Fee Kleißs Händen wurde zu festen, sich selbst tragenden scheinbar rostigen und rissigen Platten. Das Werk "Fiorellas Wand" ist eine Installation, bei der auch das verwendete Werkzeug – Wolle und Nitrilhandschuhe, mit denen sie die Pigmente in das Papier einrieb – bis hin zu den abgeschnittenen Druckkanten Teil der Geschichte werden. Denn Fee Kleiß verwandelt alles um sie herum zu Kunst, nichts bleibt unbearbeitet zurück. Fee Kleiß ist 1984 in Kuchen geboren. Sie studierte zunächst in Mainz neben Bildender Kunst auch Philosophie und wurde anschließend Meisterschülerin an der Universität der Künste Berlin bei Valérie Favre. Sie erhielt Preise und Stipendien, darunter den Regina Pistor-Preis (2011), DAAD Reise-Stipendium für Indonesien (2013), Dorothea-Konwiarz-Stipendium. Ihre Werke waren in Einzel- und Gruppenausstellungen im Künstlerhaus Dortmund, Kunstverein Siegen, Atelierhof Kreuzberg, Salon Mutlu, bei Galerie Schwarz Contemporary sowie in Galerien und Kulturorten in Kopenhagen, Paris und New York zu sehen. Stipendiatin der Paper Residency ! Berlin 2021.




ALEX LEBUS


Blutlappen, 2020
Aquarellpapier und Tusche

Inversion ist das große Thema in Alex Lebus‘ Werk – Gegensätze, Paradoxien, Verkehrung von Dingen und Botschaften. Sie arbeitet überwiegend mit Spiegeln und Schrift, häufig in Kombination, lässt durch geschicktes Hell-Dunkel-Spiel neue Bedeutungsebenen entstehen. Etwa wenn sie das englische Wort ME durch Spiegelung in WE verwandelt und damit nicht nur eine Formwandlung erreicht, sondern auch eine philosophische Gegenüberstellung von ICH und WIR. Mit ästhetischer Präzision und Wortwitz geht sie auch gegen die „glatten“ Oberflächen unserer Konsumwelt vor und deckt Denkmuster auf.

Hatte Lebus bisher mit den Materialien Spiegel, Glas und Stahl gearbeitet, wagte sie sich während ihrer Paper Residency ! in München erstmals an den Werkstoff Papier. Ihre großformatige Skulptur Blutlappen entstand in einem Prozess, den sie selbst mit der Erfahrung einer schmerzhaften Häutung beschreibt. Ihr Umgang mit Aquarellpapier und Wasser erzeugt stofflich fließende Gebilde, die mal an Haut, mal an Fleisch und mal an textile Gewebe erinnern. Immer spielt sie mit doppelten Böden und überraschenden Gedankenwendungen.

Alex Lebus wurde 1980 in Magdeburg geboren. Sie studierte Gestaltung und Industrie-Design in Magdeburg, später folgte ein Kunst-Studium an HfBK in Dresden und in Manchester, UK. Sie war Meisterschülerin bei Eberhard Bosslet; seitdem europaweite Ausstellungsbeteiligung; Stipendien und Auszeichnungen darunter: das Hegenbarth Stipendium und Leonardo-Stipendium. Artist in Residence im Q2 Museumsquartier Wien u.a.

Stipendiatin der Paper Residency ! München 2020.




GUY LOUGASHI


Lunar Landscapes, 2020
 Lunar Colonie, 2018
Papier-Objekte mit Vernähungen und Stickerei, Salz-Kristallen

Guy Lougashi versteht es, seine Erfahrungen aus Tätigkeitsbereichen wie Bühnen- oder Kostümdesign mit verschiedenen textilen Handwerkstechniken zu immer neuen und unkonventionellen Ausdrucksformen verschmelzen zu lassen. Seine Arbeiten bewegen sich auf der feinen Grenze zwischen Minimalismus und Komplexität, Harmonie und Disharmonie, Stille und Lärm. Eine besondere Vorliebe gilt dabei dem Werkstoff Papier und seinen vielseitigen Ausdrucksmöglichkeiten. Lougashi erschafft daraus ein Spiel aus Schichten, Schattenräumen, Erhebungen und Tiefen – innovativ, aufregend, emotional und zum Nachdenken anregend.

Große Poesie und Emotionalität zeichnet seine Objekte aus. Er experimentiert wie kaum ein anderer mit dem Werkstoff – er stickt, sticht, näht und nadelt, bis die Fasern des Materials sich aufzulösen scheinen, jedoch im Gegenteil verfilzen sie, wodurch fragile Werke entstehen. Das Skizzenhafte seiner Arbeit zeigt die Sicherheit und Meisterschaft, mit der er das Material beherrscht.
In seinen neueren Werken experimentiert er auch mit der Verbindung von Papier und Salz.

Guy Lougashi wurde 1976 in Israel geboren. Er ist gelernter Schneider, kam über seine Tätigkeiten in der Bildenden Kunst, Bühnen-, Kostüm- und Grafikdesign zum eigenständigen Kunstschaffen.




MAX MAREK


Terra Incognita, 2008
Papercut Objekt

Max Marek schafft einzigartige Kunstbücher zwischen Cut-Out und Relief. Mit Messer, Cutter oder Skalpell schneidet er wie ein Chirurg direkt in den Buchkörper ein. Das Bild wird aus dem Volumen der Blätter herausgeschält, das Papier aus seiner Rolle als „bloße“ Unterlage buchstäblich befreit. Über 300 handgeschnittene Buch-Unikate sind über die Jahre bereits entstanden. Immer wieder findet Marek neue Wege, mit den sich überlagernden Ebenen aus Positiv- und Negativschnitten überraschende Tiefenwirkung zu erzeugen.


Das verwendete Material trägt entscheidend zur Wirkung bei und öffnet unterschiedliche Assoziationsräume. In der Serie Terra Incognita bearbeitet Marek Buchseiten aus Brailleschrift-Papier. Der Schnitt macht unbekannte Welten sichtbar: Eine Topografie des Kopfes, die sich durch terrassenförmige Schnitte, durch Schichtung und Aussparung erst herausbildet und sich dann von Blatt zu Blatt zunehmend wieder auflöst. 2011 war diese Arbeit Thema des Vortrags Artiste-chirurgien du livre (dt.: „Buchkunst-Chirurg“) im Rahmen der Konferenz am Nationalen Kunsthistorischen Institut (INHA) in Paris.

Max Marek wurde 1957 in New York geboren. Nach einer Ausbildung zum Illustrator in Paris, arbeitet er seit den 1980en künstlerisch freischaffend mit Fokus auf Papercut und Buchkunst in Berlin. 2011 Ehrengast der „3ème Biennale Internationale des Livres d’Artistes“. Seine Kunstbücher sind weltweit in renommierten Bibliothekssammlungen vertreten: Bibliothèque Nationale de France; Deutsche Nationalbibliothek, Leipzig; Kulturforum-Kunstbibliothek und Staatsbibliothek, Berlin; Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt; Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg; Yale Universität, New Haven, u.a.




KETUTA  ALEXI MESKHISHVILI


Narcisse, 2019 (Serie: IG filter)
Archivpigmentdruck, Edition: 2/2

Alexi-Meskhishvilis Werk spielt mit den Möglichkeiten der analogen und digitalen Fotografie. Zwischen ihren Schnappschüssen und den bis ins letzte Detail inszenierten Motiven ist der Übergang oft fließend. Dabei steht das Medium Collage im Zentrum: Öffentliche Aufnahmen von Gebäuden oder Blattwerk verwebt die Künstlerin mit privaten Fotos ihrer Freunde und Verwandten zu abstrakten Kompositionen. Man kann in ihre atmosphärische Wirkung eintauchen, auch wenn die Einzelteile sich nie ganz auf-schlüsseln lassen.

Ihre Collage Narcisse aus der Serie IG filter zeigt ein digital geschmolzenes Frauenantlitz. In der Stirn sehen wir die rudimentären Formen eines Kindergesichts mit riesenhaften Kulleraugen und einem sich unterwerfenden Blick nach oben. Der Rest des Gesichts wirkt ernst und verschlossen. Der Titel könnte ein Wortspiel sein. Handelt es sich um eine Zwiebelblume, die nach dem Winter aus dem erstarrten Boden drängt? Handelt es um ein Selbstportrait? Wird hier Selbstverletzung oder Selbstauflösung thematisiert?
Das winzige Bild hat eine ungeheure Wucht, Anziehung und Schönheit. Es ist eine unergründliche Arbeit, deren Tiefe und Vielschichtigkeit fesselt und die Betrachtenden stets aufs Neue beschäftigt.

Ketuta Alexi-Meskhishvili wurde 1979 in Tiflis/Georgien geboren. Sie studierte Fotografie am Bard College in Annandale-on-Hudson, NY. Weltweite Ausstellungspräsenz in Galerien und Museen, darunter: Andrea Rosen Gallery, NY; FRAC Haute-Normandie, Sotteville-lès-Rouen, Kölnischer Kunstverein; Kunstverein Hannover; New Museum, NYC; Sprengel Museum, Hannover.

Teilnahme an Paper Residency ! Berlin 2018 mit Rosemarie Trockel.




ULRIKE MOHR


Meteoritenpapier, 2020–2021
Druckpapierkohle, matt oder glänzend gestrichen.

Ulrike Mohr ist mit Projekten im öffentlichen Raum in Erscheinung getreten. Ihre Arbeiten sind teils konzeptuell, teils von Naturbeobachtungen und der Beschaffenheit des jeweiligen Ortes geleitet. Zeichnung, Raum und Zeit sind die thematischen Aspekte ihrer Installationen. Die Materialbeschaffenheit steht dabei genauso im Vordergrund wie die poetische Komponente der Vergänglichkeit, die vielen von ihr verwendeten Substanzen innewohnt. Seit 2012 beschäftigt sich Mohr vermehrt mit dem Prozess des Köhlerns von Stoffen.

Die vier Objekte der Serie Meteoritenpapier zeigen verschiedene geköhlerte Papiere bis hin zu kunststoffbeschichteten Verbindungen. Beim Verändern des Materials durch das langsame Erhitzen entstehen einzigartige Objekte aus (etwa 80%igem) Kohlenstoff. Durch das Köhlern erschafft Mohr hochmusikalische Objekte, in der Bewegung erstarrt. Samtig matte Oberflächen stehen im Vordergrund, so verletzbar und durch Berührung der Zerstörung anheimgegeben wie die Oberflächen von Schmetterlingsflügeln, aber auch kleine metallisch glänzende Bereiche werden sichtbar, oder ein fragiles, sich auflösendes Krakelee. Handwerkliche Kunst und Können paaren sich hier mit der Faszination des scheinbar Zufälligen. Es sind ausgesprochen delikate Momente, präsentiert in schnörkellosen Plexiglasboxen, deren Abmessungen den Abmessungen der Papiere vor dem Köhlern entsprechen. Die Boxen zeigen eindrucksvoll die unterschiedlich starke Schrumpfung der Blätter.

Ulrike Mohr wurde 1970 in Tuttlingen geboren. Sie studierte Freie Kunst und Bildhauerei an Kunsthochschule Berlin-Weißensee; war Meisterschülerin bei Inge Mahn und Karin Sander. Ihre Werke finden weltweite Ausstellungspräsenz: Goethe Institut, Milan; Junge Kunst Wolfsburg; Kunstraum Kreuzberg-Bethanien und Skulpturenpark, Berlin; Kunst-verein Heidelberg; WAM Wäinö Aaltonen Museum of Art, Turku/Finnland u.a.




JANA SCHUMACHER


Nargis, 2020
Mit Farben, Wachs und maschinell bearbeiteter Archivpigmentdruck mit Handpägedruck
Rider on the Storm / Nargis, 2020
Acryl und Wasserfarbe auf Archivpigmentdruck mit Handpägedruck, Unikat in Serie 1/4

Jana Schumachers künstlerisches Hauptinteresse gilt der abstrakten Zeichnung sowie raumbezogenen Installationen. Über diese beiden Ausdrucksformen – fein und filigran auf der einen Seite, groß und raumeinnehmend auf der anderen – verarbeitet sie in ihren Werken Themen des Unvorhersehbaren, Formenfindungen zwischen Ordnung und Chaos, Aktion und Reaktion, die Verbindung von Kunst und Wissenschaft, bis hin zu Natur-phänomenen wie Stürmen und Zyklonen.

Während der Paper Residency ! entstanden Übergriffe aufs Material. Keine Stipendiatin vor ihr bearbeitete den Werkstoff Papier so radikal, rücksichtslos und experimentell. Sie verwendete für ihre Bearbeitungen Werkzeuge, Maschinen, Hitze, Flüssigkeiten, Wachse. Jana Schumacher breitete sich aus, arbeitete indoor und outdoor. Sie prägte das Papier auf Steinen und ritzte ihre großformatigen Drucke, sie bearbeitete die Oberflächen mit Schleifmaschine und Heißluft, sie trieb Flüssiges und Festes mit einer solchen Kraft in die Oberfläche, dass diese Komponenten auf der Rückseite wieder heraustraten. Mit einem Wachs-Finish erreichte sie zugleich Versiegelung wie auch partielle Transluzenz. Die organische und unkontrollierbare Materialität des Wachses bildet einen physischen Kontrast zum bearbeiteten Digitaldruck.
Inhaltlich bilden ihre in der Residenz entstandenen Werke den philosophischen Versuch des Menschen ab, Ordnung und Kontrolle in die Urgewalten der Natur zu bringen.

Jana Schumacher wurde 1983 in Bonn geboren. Sie studierte Design mit Schwerpunkt Zeichnung und Graphik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Seit 2011 sind ihre Werke in regelmäßigen Ausstellungen überwiegend in Deutschland und den USA zu sehen. Seit 2015 folgt sie zusammen mit ihrem Partner Drew Matott Lehr- und Workshop Aufträgen an US-amerikanischen Universitäten und anderen Institutionen.

Stipendiatin der Paper Residency ! Berlin 2020.




ANGELA GLAJCAR


Terforation 2020-003, 2020
Papierriss Objekt

Von den klassischen Werkstoffen der Bildhauerei, Stahl und Holz, löste sich die Bildhauerin Angela Glajcar bald nach Abschluss des Studiums. Stattdessen erschafft sie fließende, oft ortsspezifische Installationen aus Papier, Licht und Raum. Die gerissenen Papierbahnen erlangen durch Schichtungen und Wölbungen plastische Präsenz und werden mithilfe des einfallenden Lichts zu scheinbar aus sich selbst heraus leuchtenden Körpern. Glajcar reißt mitten in die Bahnen Löcher, die im räumlichen Gefüge Durchblicke und Tiefen-Perspektiven ermöglichen, oder lässt die Papierkanten großzügig ausfransen, um die innere Materialstruktur bloßzulegen. Das Wechselspiel aus Licht und Schatten verwandelt die Arbeiten in ein multidimensionales Werk mit atmosphärischer Wirkung. Den Prinzipien der formalen Strenge, Simplizität, Transparenz und Abwesenheit von Farbe bleiben alle Arbeiten, ob winzig oder raumgroß, treu – und machen Glajcars Stil so unverwechselbar. Angela Glajcar wurde 1970 in Mainz geboren. Sie studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und war Meisterschülerin bei Tim Scott. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, darunter Mainzer ZONTA Kunstpreis, Emy-Roeder-Preis, Publikumspreis der Regionale im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen. Ihre Werke sind regelmäßig in Ausstellungen in Museen, Galerien und anderen Kunstorten in Europa, den USA und in Hong Kong zu sehen, darunter: Abbaye d’Alspach, Kayserberg (FR); Andipa Gallery, London; Gutenberg-Museum Mainz; Landesbibliothek und Kunstverein Speyer; Kunsthalle Koblenz; Kunst-Station Sankt Peter, Köln; Museum Wiesbaden; Österreichisches Papiermuseum, Steyrermühl. Sie realisierte mehrere Kunst am Bau Projekte. Preisträgerin des Paper Art Award 2021 in Bronze.




ROSEMARIE TROCKEL


Cluster 2021
Installation aus 20 Schallplatten-Hüllen, in Zellophan verpackt

Rosemarie Trockel ist eine der bedeutendsten und prägendsten deutschen Konzept-Künstler:innen der Gegenwart. Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt sie zur höchsten Weltrangspitze der Kunstszene. Ihr weit gespanntes Werk entzieht sich bewusst einer eindeutigen Zuordnung und umfasst Collagen, Video-Installationen, Zeichnungen, Keramiken und Strick-Bilder. Diese machten Trockel ab Mitte der 1980er-Jahre weltberühmt: Die maschinell hergestellten „Woll-Bilder“ und „Strick-Helme“ mit oft kulturell und politisch aufgeladenen Motiven und Mustern spielten ironisch auf das Klischee der typischen „Frauenarbeit“ an und trafen den Nerv der Zeit. Immer wieder kommentiert Trockel die Frauenrolle in Gesellschaft und im Kunstbetrieb sowie deren Umkehrung und übt manchmal auf subtile, manchmal auf humorvoll-provokative Weise Sozialkritik.

Auf die Frage nach dem Werkstoff Papier antwortet Trockel mit Verpackungskunst. Hier begegnen wir dem Material also in einer bereits industriell recycelten Form. „Bleibt das Zellophan verschlossen, ist es Kunst. Reißt Du es auf, wird es ein Alltagsgegenstand.“

Dem Museum stellt Trockel ein Cluster aus streng komponierten und konzeptuell angeordneten LP-Hüllen zur Verfügung. Die Motive auf den einzelnen Verpackungs-Objekten korrespondieren miteinander und aus dem Dialog entsteht ein Hintergrund-rauschen aus Assoziationsketten. Es gibt kein Entkommen; die Betrachtenden sind gezwungen, sich mit verschlüsselten Bild-Botschaften auseinanderzusetzen und sich zu positionieren. Bin ich dafür? Bin ich dagegen? In unserer modernen, von Icons und Emoticons verstümmelten Alltagssprache, die auf einfache Bilder reduziert wird, rühren Trockels komplexe Bildfragmente an kollektiv Unterbewusstes. Ihre Botschaften sind nicht einfach. Sie stören.

Rosemarie Trockel wurde 1952 in Schwerte geboren. Sie studierte an Kölner Werkschulen, schlug Anfang der 1980er Jahre jedoch einen ganz eigenen Weg ein. Nach Einzelausstellungen in Köln und Bonn fand ihr Werk vor allem in den USA große Beachtung mit Ausstellungen im MoMA, New York; Museum of Contemporary Art, Chicago; Institute of Contemporary Art, Boston u.a. Zahlreiche bedeutenden Auszeichnungen und Ausstellungsprojekte, u.a. war sie als erste Frau im Deutschen Pavillon an der Venedig-Biennale 1999 ausgestellt; Skulptur.Projekte Münster, 2007, Documenta X und XIII, Kassel. Museale Retrospektiven u.a. im MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main und Museum Ludwig, Köln. Viele Werke sind Teil bedeutender Sammlungen weltweit. 1998-2016 Professur an Kunstakademie in Düsseldorf. 2012 war sie Mitbegründerin der Kölner Kulturinstitution Akademie der Künste der Welt.

Teilnahme an Paper Residency ! Berlin in 2018.




ELENI WITTBRODT


Ohne Titel, 2021 Cyanotypie und Prägedruck

Eleni Wittbrodt wurde 1990 in Bonn geboren. Sie studierte Bildende Kunst an der Kunsthochschule in Mainz bei Tamara Grcic und John Skoog. 2019 machte sie einen Masterabschluss in Fine Art Practice an der School of Art in Glasgow, wo sie lebt und arbeitet. Seit 2015 ist sie regelmäßig in Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, Niederlanden, Österreich und der Schweiz vertreten.

Mehr Info in Kürze. Stipendiatin der Paper Residency ! Berlin 2021.




OSKAR HOLWECK


25 VIII 69/1, 1969 31 VII 74/13, 1974 21 VII 76/2, 1976 29 IX 84/1, 1984 Papierrisse; Papier geknüllt, gefächert Mehr Info in Kürze.




BURÇAK BINGÖL


Once Here, 2021
Porzellan-Tableau, ausgelöschtes Papier, getrocknete Pflanzen

Die Werke der türkischen Keramik-Künstlerin Burçak Bingöls entstehen in einem arbeitsintensiven Prozess des Aufspürens, Kopierens und Neu-Ordnens. Der ausgeprägte Sinn für Ordnung und das Interesse an Mustern wirkt sich in ihren ambitionierten Keramikarbeiten, für die sie vor allem bekannt ist, ebenso aus wie in ihren Zeichnungen. Sie schöpft aus östlicher und westlicher Tradition, nur um diese gleich wieder zu brechen. So etwa in der 2016 für die Sammlung des Metropolitan Museum of Art angekauften Arbeit Broken II, wo Bingöl viele in der geschichtsträchtigen Tradition der Ottoman und Iznik-Keramik bemalten Elemente zu Scherben zerbrach und in ein buntes zeitgenössisches Mosaik-Objekt verwandelte. Auf diese Weise fordert sie auf, die Grenzen zwischen Kunst und Handwerk, zwischen high und low neu zu überdenken.

Als wir Burçak Bingöl baten, für das Haus des Papiers eine Keramik mit dem Werkstoff Papier zu kreieren, rief diese Bitte keinerlei Irritation hervor. Papier, Keramik, Hitze. Auf den ersten Blick scheint diese Komponenten nichts zu verbinden. Viele Anläufe brauchte Bingöl, die verschiedenen Prozesse des Brennens und Verbrennens in einer einzigen Form kontrolliert zu vereinen. Hier in diesem einem DinA-4 Blatt nachempfundenen Werk ist Papier ein Zitat, eine Negativform, die gleichwohl, ähnlich wie bei Cut Outs, erst durch das Wegnehmen und Verschwinden entsteht, als Raum innerhalb seiner Begrenzung, als innere Form einer äußeren Form, auf den zweiten Blick sichtbar. Das Nichtvorhandene entwickelt, wie im wirklichen Leben, eine machtvollere Anziehungskraft, als das täglich Sichtbare. Es bedient unsere Vorstellungskraft und Sehnsucht. Bingöl hat um die Ecke gedacht und Außergewöhnliches geschaffen.

Burçak Bingöl wurde 1976 in Görele/Türkei geboren. Sie hat einen PhD-Abschluss in Keramik und studierte Fotografie in New York. Weltweite Ausstellungspräsenz, darunter Soloprojekte in New York, Ankara und Istanbul; Messen und Gruppenausstellungen in Dubai, Hong Kong, 15. Istanbul Biennale, 2017. Ihre Werke sind in öffentlichen Sammlungen in Europa, USA, dem Mittleren und Fernen Osten vertreten: 21C Museum, Lexington, KY; Salsali Private Museum, Dubai; Baksı Museum, Bayburt, u.a.




FIENE SCHARP


Ohne Titel, 2021
Paper Cut Objekte

Das Rasterprinzip ist Fiene Scharps künstlerisches Mittel. Die Feingliedrigkeit – die Bedingung ihrer Werke. Die zweidimensionalen Zeichnungen von Rasterpapieren aller Art überführt sie durch mikroskopisches Ausschneiden in das Räumliche. Mit dem fast vollständige Abtragen der Weißräume entstehen filigrane netzartige Gefüge. Diese Arbeiten sind durchzogen von einer Spannung, die leise und erst nach und nach erspürbar ist: Auf der einen Seite steht die immer gleiche Struktur eines industriell hergestellten Blattes; auf der anderen Seite wird die Wiederholung durch die minimale Varianz und winzige Brüche in den händisch ausgeführten Schnitte gestört. Diese unausweichlichen Brüche, versetzte Wölbungen und Faltungen sind jedoch kein Makel, sondern zarte Spuren des individuellen Charakters eines jeden Blattes, die erst beim genauen Hinschauen entdeckt werden wollen.
In den im HdP gezeigten Arbeiten entfernen die Schnitte oft exakt jene Flächen, welche für das Beschreiben mit Informationen gedacht sind. Papier ist üblicherweise ein Trägermaterial für: Gedanken, Berechnungen, Zeichnungen, für Kunst, und vieles Andere. Fiene Scharp verändert unseren Blick auf die Bestimmung des Blattes. Papierbögen sollen einem Zweck dienen. Das gilt ganz besonders für die Bögen, die in Büros und Archiven verwendet werden. In den kleineren Arbeiten widmet sich die Künstlerin sogenannten Büropapieren, und führt sie einer völlig neuen Bedeutung zu. In der größeren Arbeit entkernt sie ein Schnittmuster. Übrig bleibt hier, anders als bei den Büropapieren, ein filigranes Gespinst aus Informationen. Alles Überflüssige ist entfernt, und lenkt so den Blick auf die farbige Linienführung, auf die reine Funktion, auf die ursächliche Daseinsberechtigung dieser Linien. Fiene Scharp wurde 1984 in Berlin geboren. Sie studierte Bildende Kunst und Literatur an der Universität der Künste und der Humboldt-Universität in Berlin. 2012 erhielt sie den Meisterschülerpreis des Präsidenten der UdK; sie war Stipendiatin des Else-Heiliger-Fonds der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Stiftung Kunstfonds. Ihre Werke waren in Ausstellungen in Europa, Nordamerika und Asien zu sehen: Centre for Recent Drawing, London; Kunsthalle Bremerhaven; Kunstmuseum Stuttgart; Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt; Stedelijk Museum 's-Hertogenbosch (NL), u.a. Preisträgerin des Paper Art Award 2021 in Gold.




GÜNTHER UECKER


Ohne Titel, 1999 Papier handgeschäpft und geprägt Mehr Info in Kürze.




ALEXANDRA HENDRIKOFF


Yang Tao, 2021
Objekt aus Wespenpapier, Transparentpapier, Strohseide,
Samen, Weizenkleister
Metamorphose, 2013 zweitelige Installation I: Transparentpapier, Strohseide, Löwenzahnsamen, Bambus, Kastanienzweige II: Papier gestichelt, Süßgrassamen Ins Papier gestanzt ist ein Gedicht von der Künstlerin selbst: Metamorphose Mir träumte das große Fressen sei vorbei
der kahle Lebensbaum konnte neu austreiben
ein tiefgreifender,
innerer
Wandel hatte sich vollzogen
da war die ganze Welt erfüllt
von unzähligen,
bunt schillernden,
liebestrunkenen,
im Wind segelnden Lebewesen….

Und tatsächlich!
Als ich, mit meiner morgendlichen Tasse Tee,
in den Garten trat,
hing,
im glitzernden Gezweig des Morgentaus,
dieser zarte,
entleerte
Kokon,
die alte Form war aufgebrochen
und
hatte das neue verletzliche Leben freigegeben…
Manche Buchstaben sind mit Süßgrassamen gefühlt, die aus den Löchern hervorsprießen. Der aufgebrochene Kokon in Phallusform, aus dem etwas geschlüpft ist, steht hier sinnbildlich für die Überwindung des Patriarchats, die im Gedicht als hoffnungsvolle Veränderung, ein zartes Herauswachsen, einer Erneuerung aus dem Alten beschrieben wird.